KRANICH-OBSERVATORIUM AM HANTAN-FLUSS

Cheorwon (DMZ), Südkorea

Choi Myung-Ae, Center for Anthropocene Studies, Korea Advanced Institute of Science & Technology (KAIST)

Auf der Koreanischen Halbinsel liegt ein ungeplantes Paradies. Als 1953 der Koreakrieg endete, wurde hier zwischen Nord- und Südkorea eine vier Kilometer breite und 248 Kilometer lange demilitarisierte Zone (DMZ) eingerichtet. Seither ist die DMZ ein Niemandsland. Bis auf wenige Ausnahmen ist sie in den 70 Jahren seit Kriegsende von Menschen unberührt geblieben. Stattdessen haben nicht-menschliche Lebewesen sie in Besitz genommen: Tiere und Pflanzen konnten sich über Jahrzehnte frei entwickeln, und heute leben hier 91 gefährdete Arten. Zwei dieser Arten sind der Mandschurenkranich (Grus japonensis) und der Weissnackenkranich (Grus vipio), die die Myung-Ae Choi und ihr Team am Centre for Anthropocene Studies des KAIST mithilfe von Wildtierkameras untersuchen.

Die Kraniche verbringen den Sommer in Sibirien, weshalb sie während dieser Zeit nicht auf den Kameraaufnahmen erscheinen. Erst im November tauchen sie auf: Dann ziehen sie in die Sumpfgebiete der DMZ, die ihnen sichere Rastplätze bieten, und in die Reisfelder der Umgebung, wo sie Nahrung finden. Anders als wir Menschen können die Kraniche die befestigten Linien zwischen Nord- und Südkorea problemlos überfliegen.

Kraniche werden in Korea sehr geschätzt, weil sie Glück und ein langes Leben symbolisieren. Im Jahr 1968 wurden der Mandschuren- und der Weissnackenkranich zu Naturdenkmälern erklärt, und seit 2011 sind sie durch ein Gesetz zum Schutz und zur Kontrolle von Wildtieren geschützt. Das ist wichtig, denn im Laufe des 20. Jahrhunderts sind viele dieser Vögel durch koloniale Jagd, Verstädterung und den Koreakrieg verloren gegangen. Heute existieren weltweit schätzungsweise noch 2’000 bis 2’650 Mandschuren- und 3’700 bis 4’500 Weissnackenkraniche.

Die Naturschutzbemühungen in und um die DMZ begannen in den späten 1980er-Jahren. 2004 führte das koreanische Umweltministerium in der gesamten Region ein Bezahlungssystem für Ökosystemleistungen ein, mit dem Landwirtinnen und Landwirte subventioniert werden, die sich an Naturschutzmassnahmen beteiligen – beispielsweise, indem sie Reisbestände nach der Ernte auf ihren Feldern belassen. Diese Bemühungen zahlen sich aus: Während in den 1990er-Jahren nur ein paar hundert Kraniche in der DMZ überwinterten, leben heute mehrere tausend Vögel dort. Das macht die DMZ zu einem der wichtigsten Überwinterungsgebiete für Kraniche.

Dennoch sind sie auch hier nicht ganz ungefährdet: Die Grenzkontrollen werden lockerer, Strassen, Gewächshäuser und andere Infrastrukturen werden gebaut, das Klima verändert sich. Die Möglichkeiten, die Kraniche ökologisch zu überwachen, sind recht begrenzt – nicht zuletzt wegen der noch vorhandenen Landminen in der DMZ.

Ökologinnen und Ökologen dürfen die DMZ noch immer nicht betreten, können sie aber mithilfe von Kamerafallen beobachten. Das gilt auch für Myung-Ae Choi und ihr Team: Die Kamerafalle von Triggered by Motion ist eine von 13 Kameras mit Fernüberwachung, die sie im Jahr 2020 installiert haben. Um die Sicherheitsanforderungen zu erfüllen, befinden sie sich alle ausserhalb der DMZ, in Reisfeldern oder – wie die Kamera von Triggered by Motion – am Ufer des Hantan-Flusses. Dort sammeln sie jedes Jahr hunderte Stunden Filmmaterial. Anstatt all diese Bilder wie bisher mühsam von Hand auszuwerten, soll ein selbstlernender Algorithmus die Kranicharten bald automatisch identifizieren und die Daten sortieren können. Eine andere KI wird bereits eingesetzt, um die Kraniche beider Arten zu zählen.

Mit ihrer Forschung wollen Myung-Ae Choi und ihr Team zeigen, wie wichtig es ist, Feuchtgebiete und Reisfelder als Schutzgebiete für die bedrohten Kraniche der DMZ zu erhalten. Myung-Ae Choi ist der Meinung, dass Technologien wie künstliche Intelligenz oder Fernerkundungsgeräte bei diesen Bemühungen eine wichtige Rolle spielen könnten – vor allem an Orten wie der DMZ, zu denen der Zugang für Menschen eingeschränkt ist. Projekte wie Triggered by Motion, sagt sie, bieten spannende Möglichkeiten, diese neuen Technologien in der Praxis zu erproben.