VAL MÜSCHAUNS / VAL TRUPCHUN

Engadin, Schweiz

Hans Lozza, Schweizerischer Nationalpark
Sonja Wipf, Schweizerischer Nationalpark

Seit seiner Gründung im Jahr 1914 spielt die Forschung im Schweizerischen Nationalpark eine wichtige Rolle. Über hundert Jahre schon gleicht er einem riesigen Freiluftlabor, in dem untersucht wird, wie sich Tiere, Pflanzen und deren Lebensräume ohne menschliche Eingriffe entwickeln. Im Laufe der Zeit haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Parks ein umfassendes Wissen über die komplexen Vorgänge in der Natur aufgebaut. Hier hat Hans Lozza für Triggered by Motion eine Kamerafalle installiert und betreut.

Vor der Gründung des Parks kamen Hirten und Bauern hierher, um während des Sommers ihre Kühe und Schafe zu weiden. Damals wurden hier Bäume gefällt und Steinböcke und Rotwild bis zur lokalen Ausrottung gejagt. In den letzten hundert Jahren hat die Zahl der pflanzenfressenden Huftiere stark zugenommen und sie halten die ehemaligen Weiden offen – aber langsam wachsen wieder Bäume in das Grasland hinein.

Am häufigsten hat die Kamera von Triggered by Motion Steinböcke (Capra ibex), Gämsen (Rupicapra rupicapra) und Rothirsche (Cervus elaphus) gefilmt. Sie werden in verschiedenen Forschungs- und Überwachungsprogrammen untersucht, und der Nationalpark betreibt ein Netz von Fotofallen, um ihre Bestandsdichte zu ermitteln. Darüber hinaus unterhält er ein Netz von Aufnahmegeräten für die Untersuchung von Singvögeln.

Das Hauptforschungsinteresse des Schweizerischen Nationalparks gilt der Frage, wie sich die Abwesenheit des Menschen auf natürliche Systeme, Landschaften, Nahrungsnetze und Artenpopulationen auswirkt. Ein weiteres aktuelles Forschungsthema ist, wie sich die Rückkehr von Großraubtieren auf das Ökosystem auswirken könnte. Rotfüchse (Vulpes vulpes) beispielsweise waren lange Zeit das grösste Raubtier im Park. Nun wird untersucht, ob die Ansiedlung von Wölfen ihr Verhalten, ihre Futtervorlieben und ihre Bestände verändert.

Zusätzlich zu den Kamerafallen arbeiten die Forscherinnen und Forscher im Park mit GPS-Halsbändern und satellitengestützter Fernerkundung. Damit untersuchen sie die Interaktionen zwischen Huftierarten und ihren Lebensräumen. Ausserdem entwickeln und nutzen sie zunehmend digitale Tools, die auf Smartphones laufen – in der Hoffnung, dass diese bald zur Analyse der Kamerafallendaten des Parks eingesetzt werden können. Für die Entwicklung dieser Tools stehen sie in Kontakt mit verschiedenen Forschungsgruppen und beteiligen sich am gemeinschaftlichen und auf Freiwilligenarbeit basierenden Kamerafallenprojekt →Snapshot Europe

Deshalb freuen sich Sonja Wipf und Hans Lozza über den internationalen Austausch rund um Triggered by Motion. «Er eröffnet uns den Blick auf andere Länder», sagen sie, «und ermöglicht uns, von den Erfahrungen anderer zu lernen und zu profitieren. Die globale Artenvielfalt lässt sich durch solche Projekte sehr gut erleben.»

Die Artenvielfalt im Schweizerischen Nationalpark hat sich in den letzten 100 Jahren positiv entwickelt. Die Vegetation auf den ehemaligen Alpweiden weist heute eine wesentlich höhere Artenvielfalt auf. Auch die Insekten gedeihen: So ist beispielsweise die Zahl der im Park lebenden Schmetterlinge seit 1914 stabil geblieben, während sie in ungeschützten Gebieten stark zurückgegangen ist. Auch die Populationen von Rothirsch, Gämse und Steinbock haben sich sehr gut entwickelt. In den letzten drei Jahrzehnten wurde der Bartgeier (Gypaetus barbatus), der im 19. Jahrhundert in den Alpen ausgestorben war, im Schweizerischen Nationalpark erfolgreich wieder angesiedelt – und auch die Grossraubtiere haben sich in jüngster Zeit wieder etabliert.