NATIONALPARK GRAN PARADISO

Aostatal, Italien

Alice Brambilla, Universität Zürich
Laurens Bohlen, Universität Zürich
Alberto Peracino, Parco Nazionale Gran Paradiso

Vor 200 Jahren wäre der Alpensteinbock (Capra ibex) aufgrund von Überjagung beinahe ausgestorben. Einzig im Gran-Paradiso-Massiv in Norditalien überlebte eine kleine Gruppe, dank der die Tiere heute wieder im gesamten Alpenraum verbreitet sind. Heute ist der Alpensteinbock eine Vorzeigeart, denn seine Wiederansiedlung in den Alpen ist eines der erfolgreichsten Beispiele für den Artenschutz in Europa.

Vor mehr als 20 Jahren hat der Nationalpark Gran Paradiso ein langfristiges Forschungsprojekt zur Untersuchung und Überwachung seiner Steinbockpopulation ins Leben gerufen. Parkrangerinnen und -ranger tragen in Zusammenarbeit mit Forscherinnen und Forschern mehrerer Universitäten zur Erhaltung und zum Schutz der Tiere bei. Alice Brambilla von der Universität Zürich ist seit 2008 am Projekt beteiligt.

Die Region des Aostatals, wo Alice mit der Hilfe von Parkranger Alberto Peracino die Kamerafalle für Triggered by Motion installiert hat, ist durch ein alpines Klima gekennzeichnet. Der Frühling beginnt, wenn der Schnee in den Talsohlen schmilzt und die erste Vegetation spriesst. Während es wärmer wird, färben blühende Pflanzen die Hänge immer wieder neu; Zugvögel treffen ein und beginnen ihre Nester zu bauen; Murmeltiere erwachen aus dem Winterschlaf und erfüllen die Luft mit ihren Alarmrufen.

Bald aber verblasst das intensive Grün der Vegetation zu einem Goldgelb. Die Herbstluft ist weniger geräuschvoll, alles erscheint ruhiger. Die Tage werden kürzer, die Temperaturen sinken, die Zugvögel ziehen ab und die einheimischen Tiere legen Fettreserven für den Winter an. Die Murmeltiere verschwinden in ihren Höhlen und der erste Schnee kündigt die Ankunft des langen Winters an.

Die Kamerafalle von Triggered by Motion hat bloss einen Bruchteil dieser üppigen Fauna eingefangen. Vor allem Gämsen (Rupicapra rupicapra), Steinböcke (Capra ibex) und Rotfüchse (Vulpes vulpes) tauchen auf den Bildern auf, selten mal ein Wolf (Canis lupus). Die Murmeltiere, Vögel, Reptilien und Insekten bleiben unsichtbar. Manche dieser Tiere – wie die Insekten – sind zu klein, um den Bewegungsmelder zu aktivieren; andere – zum Beispiel die Murmeltiere – bleiben immer in der Nähe ihres Baus und damit ausser Reichweite der Kamera. Kamerafallen eignen sich also vor allem für Säugetiere, die einen grossen Aktionsradius haben.

Alice Brambillas Forschung im Rahmen des Alpine Ibex Project konzentriert sich auf Verhaltensökologie, Populationsdynamik, Ökologie, Lebensgeschichte und Genetik der Steinbockpopulation im Aostatal. Im Rahmen des Projekts werden einzelne Tiere gefangen und mit Ohrmarken oder GPS-Halsbändern versehen. Auf diese Weise können Ökologinnen wie Alice den Gesundheitszustand und das Verhalten der Tiere während ihres gesamten Lebens überwachen und untersuchen, wie sich Umweltveränderungen auf die Populationsdynamik und die Lebensgeschichten der Tiere auswirken.

Alice kennt alle Tiere, die sie untersucht, beim Namen. Als sie Teil von Triggered by Motion wurde, begann sie aber über die Entwicklung einer KI nachzudenken, die Steinböcke automatisch und ohne die Hilfe von Menschen erkennen kann. Durch Triggered by Motion lernte sie Laurens Bohlen kennen, der mit ihrer Hilfe am Institut für Evolutionsbiologie und Umweltwissenschaften der Universität Zürich ein Machine-Learning-Netzwerk zur Identifizierung von Steinbockindividuen entwickelte. Die Anwendung kann nun Steinbockindividuen identifizieren.

Dereinst soll die KI auch auf andere Huftiere ausgeweitet werden können und so weiträumige, umfangreiche Naturschutzprojekte im Alpenraum ermöglichen.