SILICON VALLEY

Palo Alto, Kalifornien, USA

Bill Leikam, Urban Wildlife Research Project

Im Frühjahr, wenn es regnet, verwandelt sich die trockene Landschaft in ein üppiges Grün. Alles erwacht zum Leben. Rötliches Seegras überwächst den betonierten Entlastungskanal und die Wildtiere sind damit beschäftigt, sich um ihre Jungen zu kümmern. Das ist das Palo Alto Baylands Nature Preserve: ein semi-urbanes Stück Sumpfland inmitten der Autobahnen, Wohngebiete und Tech-Imperien der San Francisco Bay Area. Hier studiert Bill Leikam das Verhalten des Graufuchses (Urocyon cinereoargenteus townsendi).

Der Graufuchs ist der ursprünglichste Canide, der «Urhund»: Er hat sich über einen Zeitraum von acht bis zwölf Millionen Jahren entwickelt und ist damit viel älter als der Schakal, der Wolf und alle anderen Caniden. Da er sich mit keinem anderen Hund auf dem Planeten paaren kann, ist die genetische Abstammung des Graufuchses Millionen Jahre lang unverändert geblieben.

Bill Leikam hat diesen faszinierenden Tieren sein Leben gewidmet. Als er vor über zehn Jahren am Rand einer alten Schotterstrasse seinen ersten Graufuchs sah, wusste er, dass er diesen Ort immer wieder aufsuchen würde. Bald fing er an, sich Notizen über das Verhalten der Füchse zu machen. Er entdeckte, dass jeder von ihnen eine eigene Persönlichkeit hatte, und so gab er jedem einen Namen statt einer wissenschaftlichen Bezeichnung. Als sich die Füchse an ihn gewöhnt hatten und sich in seiner Gegenwart wohl fühlten, begannen die Jungtiere ihm manchmal aus reiner Neugierde zu folgen.

2013 gründete Bill schliesslich gemeinsam mit dem Ökologen und Filmemacher Greg Kerekes das Urban Wildlife Research Project (UWRP). Das UWRP nutzt 15 Kamerafallen, um zu beobachten, wie sich die Füchse nachts verhalten. Weil sie dämmerungsaktiv und damit am frühen Abend und in der Morgendämmerung unterwegs sind, kann Bill ihr Verhalten auch direkt beobachten und dokumentieren. Ziel des UWRP ist es, dafür zu sorgen, dass alle Tiere in den Baylands einen gesunden Lebensraum haben.

Theoretisch wäre das Palo Alto Baylands Nature Preserve ein idealer Lebensraum für den Graufuchs. Es gibt dort kleine buschige Auen und Bäume, auf die die Füchse klettern können. Aber wie überall spielt auch hier der Klimawandel eine Rolle. Während es normal ist, dass das satte Grün des Frühjahrs im Sommer in ein tiefes Ockerbraun übergeht, hat sich die Vegetation in den letzten Jahren dennoch verändert. Die letzten Winter waren trockener als zuvor, und obschon der Winter 2022/23 einer der feuchtesten seit Jahrzehnten war, herrscht in den Baylands jetzt eine Dürre. Diese Trockenperiode ist der Auftakt für ernste und langfristige Veränderungen, die gerade erst begonnen haben.

Es gibt noch eine weitere Herausforderung für die Tierwelt des Silicon Valley. Die Städte im Tal wachsen, Strassen und Autobahnen werden gebaut. Das wirkt sich auf die Lebensräume der Tiere aus, die immer kleinteiliger werden. Diese Fragmentierung hat drastische Folgen: Im Jahr 2016 starben alle 25 Graufüchse des Palo Alto Baylands Nature Preserve an einer hochansteckenden viralen Krankheit namens Staupe (engl. canine distemper). Nach dem Tod der Graufüchse vergingen zwei Jahre und ein Monat, ehe ein neues Fuchspaar – Laimos und Big Eyes – im Gebiet auftauchte und es als Revier beanspruchte. Zunächst hatte Bill gehofft, dass die beiden Junge bekommen würden, aber leider ist das nicht der Fall. Laimos und Big Eyes scheinen unfruchtbar zu sein.

Um zu verhindern, dass sich das Artensterben von 2016 wiederholt, entwickelt das Urban Wildlife Research Project einen Renaturierungsplan, der Lebensräume über eine etwa 20 Meilen (gut 32 Kilometer) lange Strecke entlang der Bucht von San Francisco miteinander verbinden soll. Dieser Baylands-Korridor wird die Gesundheit der Wildtiere verbessern und einen artenreichen, üppigen Lebensraum schaffen.

Bis dahin bleibt für das UWRP noch viel Arbeit zu tun. Gegenwärtig besucht Bill Leikam das Palo Alto Baylands Nature Preserve jeden Morgen vor Sonnenaufgang und jeden Abend, um die zahlreichen Kamerafallen im Feld zu überprüfen und um die Tiere zu beobachten, die er so gut kennt.